Dachterrassen: Ein Platz an der Sonne

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Sie ist das ultimative Must-have des innerstädtischen Wohnens: Die Dachterrasse hat der Beletage längst den Rang abgelaufen, wer im Reich der Einser-Postleitzahlen etwas auf sich hält, kann von dort auf die Dächer der Stadt schauen. Das war bei Weitem nicht immer so: Als in den 1980er-Jahren der Dachbodenausbau seinen Siegeszug begann, beschritt so mancher Bauträger und Entwickler zunächst ein paar Irrwege. „Damals gab es bei Dachausbauten noch eine schlechte Wärmedämmung und Terrassen, die nur über das Schlafzimmer zu begehen waren“, erinnert sich Hannes Engel, Inhaber von Engelreal und Betreiber der Webseite dachterrassen.at. Zu Beginn sei vielfach noch nach dem alten Konzept der unten liegenden Wohn- und im oberen Stockwerk angesiedelten Schlafräume ausgebaut worden, was zur Folge hatte, dass man vom Wohnbereich nicht auf die Terrasse kam, dafür aber nachts im Schlafzimmer schwitzen musste. „Heute sind neun von zehn Dachgeschoßwohnungen Maisonettewohnungen, in denen unten geschlafen wird und die Wohnebene sich oben befindet“, so Engel. „Das macht die Ausbauten aus den 1990er-Jahren heute oft schwerer verkäuflich.“

Sorgen muss man sich aber um den Verkauf einer Dachterrassenwohnung keine machen, der Platz über den Dächern der Stadt erfreut sich ungebrochener Beliebtheit, der den Wert einer Wohnung in jedem Fall steigert. Lediglich das Ausmaß der Wertsteigerung wird durch die bauliche Qualität bestimmt. „Das hängt von vielen Faktoren ab, es ist ein Gesamtpaket“, erklärt Peter Marschall, Inhaber von Marschall Immobilien. Eine Dachterrasse könne unterschiedlich interessant sein: „Für 15 Quadratmeter im Innenhof mit höheren Häusern drumherum erziele ich natürlich weniger als für eine attraktive Terrasse auf der Wohnebene.“

 

 

Innerhalb des Gürtels

Das Stiefkind unter den Dachterrassen ist die berühmte „Silvesterterrasse“, die nur über eine steile Wendeltreppe zu erklimmen und den geringsten Aufpreis wert ist. Marschall schätzt die Wertsteigerung einer Wohnung durch die weniger attraktiven Varianten auf fünf bis zehn Prozent, für großzügige Lösungen auf gleicher Ebene durchaus auf 15 bis 20 Prozent, Engel auf bis zu 25 Prozent. Wobei die Technik heute auch den weniger beliebten Vertretern ihrer Gattung zu Hilfe kommt: Ein Speiseaufzug aus der Küche dient dazu, den Aufstieg auf eine Silvesterterrasse ohne Kaffeehäferl und Weinkühler deutlich entspannter zu gestalten, und der Kühlschrank in den zurzeit so beliebten Outdoorküchen trägt auch sein Scherflein dazu bei. „Natürlich versucht man, die Nachteile zu minimieren“, so Engel, „aber es ist einfach ein markanter Unterschied, ob ich die Tür zu meiner Terrasse öffnen und den Außenbereich zu meiner Wohnfläche dazuzählen kann.“

Bei den Lagen durchbrechen die Dachterrassenwohnungen ein wenig die Regeln, die sonst im Luxussegment gelten. Sind normalerweise hier nur die Bezirke eins, 13, 18 und 19 die einzig wahren, finden sich die Wohnungen mit einem luxuriösen Platz an der Sonne auch im dritten, siebten, achten und neunten Bezirk. „Da sind alle schönen Innenstadtbezirke gefragt“, weiß Marschall und nennt vor allem die Gegenden rund um das Museumsquartier, den Naschmarkt und das Botschaftsviertel. Und auch Engel sieht alle Lagen innerhalb des Gürtels, in denen der Ausbau des Altbestandes stattfindet, in diesem Segment als attraktiver an als die Grünlagen am Stadtrand.

 

Sprudelbad gar nicht so wichtig

Und was muss eine Luxusdachterrasse im Jahr 2013 können? Das vermeintlich begehrteste Feature, der Pool oder zumindest Whirlpool – dessen Machbarkeit jedoch immer eine Frage der Statik ist –, löst oft weniger Begeisterung aus, als man gemeinhin glaubt. „Manche Kunden wollen es unbedingt, und manche reagieren gar nicht darauf, das ist nicht wirklich ein Superrenner“, meint Marschall. Die Lösung sei heute, diese bei den Dachausbauten statisch mitzuberücksichtigen, den (Whirl-)Pool-Bau aber erst dann auszuführen, wenn der Kunde es wünscht.

 

Gräser schlagen Buchsbaum

Durchgängig gefragt auf der High-End-Dachterrasse sind Bewässerungsanlagen. „Die stehen hoch im Kurs“, weiß Wolfgang Schmid, Landschaftsgärtner, Inhaber von Living Garden und Autor des Buches „Dachterrassen: Inspiration und Gestaltung“. „Wer etwas auf sich hält, möchte eine Dachterrasse ohne Arbeit haben, auf die hin und wieder der Gärtner kommt, die sonst aber keine Arbeit macht.“ Außerdem beliebt sind Lichtkonzepte aller Art, vor allem indirekte Beleuchtung; LEDs machen unzählige Varianten mit einem vertretbaren Energieaufwand möglich. „Da gibt es Lichtschläuche, die im Wind zu tanzen beginnen“, gibt Schmid ein Beispiel, was moderne Technik zu dem beitragen kann, worum es allen Dachterrassenbesitzern im Endeffekt geht – eine besondere Atmosphäre in dem erweiterten Wohnraum zu schaffen.

Die beliebtesten Pflanzen dafür sind heuer „Gräser, Gräser und Gräser“, wie Schmid erzählt, da sie sich beim leichtesten Windhauch bewegen und Stimmung auf das Dach bringen. Hoch im Kurs stehen auch japanischer Fächerahorn, Lavendel, immergrüne Hecken für spannende Sichtachsen und jede Menge Kräuter zum Kochen. Und das alles in der Kombination von nach Möglichkeit nur zwei Farben. „Weiß und Grün oder Zartrosa und Grün – kunterbunt gibt es nicht mehr, im Moment soll alles sehr gepflegt aussehen“, so der Experte.

In diesem gepflegten Rahmen finden sich dann 2013 die so beliebten Outdoorküchen – mit Edelgriller, Teppanyaki-Platte, Messerblock und Espressomaschine. Und Terrassenmöbel, die chillig und cool aussehen, extrem funktionell und dadurch vielfältig einsetzbar sind, sich vom Couch- zum Esstisch verwandeln lassen, an dem „man wirklich gepflegt essen kann, ohne dass einem der Bauch über die Badehose hängt“, wie Schmid verdeutlicht. Und die Verlierer der Saison 2013? Die heißen nach Schmids Erfahrungen ganz klar Rattan, Sonnensegel und Buchsbaum: Alle drei sind absolut out und wären vielleicht grade noch für die Dekoration einer Terrasse akzeptabel, die man nur über das Schlafzimmer betreten kann. Irgendwie total 1990 eben. (SMA)

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 07.09.2013)

 

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